Aus einer einjährigen Weltreise-Auszeit wurden vier Jahre intensives Reisen und Lernen, aus der erfolgreichen Marketing- und Vertriebsleiterin eine passionierte Yogalehrerin. Tanja Nicholls lebt den Wanderlust-Traum, den die meisten von uns im Inneren hegen.

Doch wie kam es eigentlich dazu, dass sich ihr Leben so völlig veränderte?

7 Fragen an Tanja Nicholls

Tanja, 2012 hast du eine einjährige Weltreise als Auszeit geplant und bist 2013 aufgebrochen. War die Weltreise immer schon dein Traum?

Ja. Aber nicht die Weltreise in diesem Sinne. Es war immer ein Traum von mir zu reisen. Das hat sich aber nie in größerem Ausmaß ergeben.

2012 war ich 5 Wochen in Nepal. Zum Trekken, zum Besinnen, zum Nachdenken. Nach einem Gipfelsieg auf 4.995 m habe ich mich auf einmal so leicht gefühlt, ich konnte mich nicht einmal erinnern, wann es mir davor zum letzten Mal so wunderbar ging. Dabei habe ich nicht nur meinen Rucksack, sondern auch die Rucksäcke meiner beiden Kollegen getragen, die keine Kraft mehr hatten. In dem Moment wusste ich: Irgendetwas stimmt in meinem Leben nicht, irgendetwas muss ich verändern. Dieses Gefühl wurde so intensiv, dass ich, zurück am Flughafen, nicht ins Flugzeug steigen wollte. Letztlich hat die Vernunft gesiegt, und ich bin mitgeflogen. Aber eines war damit klar: Ich würde im Laufe des Jahres 2013 meinen Job als Marketingleiterin kündigen und auf Reisen gehen.

Im Mai 2013 war es soweit. Gleich im Juni bin ich nach Slowenien aufgebrochen. Am 1. Juli habe ich mir einen VW-Bus gekauft und bin damit durch Europa getingelt: Slowenien, Holland, Kroatien, Frankreich. In Frankreich habe ich eine Surf- und Yoga-Woche gemacht und habe dort beschlossen, nach Indien zu gehen – als erste Station meiner „wirklichen“ Weltreise. Im September habe ich in Kroatien noch meinen Segelschein gemacht, und Ende September ging es auf nach Indien, wo ich meine erste Yogalehrer-Ausbildung absolviert habe.

Aus dem geplanten Jahr wurden vier. Das klingt wunderbar, aber auch herausfordernd. Wie kam es dazu? Was hat dich zur Weiterreise bewogen?

Das war wirklich nicht geplant. Offiziell habe ich immer von einem Jahr gesprochen, in erster Linie auch, um meine Eltern zu beruhigen. Im Herzen hatte ich nie ein Zeitlimit. Mein einziges Limit war mein Reisebudget.

Ab meinem Aufenthalt in Indien hat einfach das Eine das Andere ergeben. Nach 10 Monaten bin ich kurz nach Hause geflogen, aber schon nach einer Woche ging es weiter nach Zentralamerika. Dort habe ich einen New Yorker Yogalehrer kennengelernt, der mich zu sich nach New York eingeladen hat. Von da ging es weiter nach Holland, wo ich ein Yogastudio geleitet habe. Dort wiederum bekam ich einen Anruf aus Teneriffa, ob ich unterrichten wolle – eines ging ins andere über. Die vier Jahre haben sich von selbst ergeben. Ich hatte keinen Plan, sondern bin einfach dem gefolgt, was sich für mich richtig angefühlt hat.

Nur zwei Leitfäden hatte ich von Anfang an: Ich wollte mich einerseits im Gesundheitsbereich weiterentwickeln , sei es Yoga, Thai-Massage, tibetische Medizin, Ayurveda Pancha-Karma und einige weitere Dinge. Andererseits wollte ich mich meinen Ängsten stellen, denn ich denke, dass man nur wirklich wachsen kann, wenn man die Gründe für seine Ängste herausfindet und lernt damit umzugehen.

Tanja Nicholls von Pulsatori auf Weltreise vor einem Wald. Wanderhunger. Tanja Nicholls im Interview

 

Dein Aufenthalt in Indien war von Anfang an ein fixer Bestandteil deiner Reisepläne. Hast du schon vor deiner Reise mit Yoga begonnen? Gibt es einen Unterschied zwischen dem Praktizieren von Yoga hier und dort?

Meine allererste Erfahrung mit Yoga ist über 15 Jahre her. Es war furchtbar. Ich hatte mir damals einen Zehnerblock gekauft, nach dem dritten Mal wusste ich: Tanja und Yoga sind nicht kompatibel. *lacht*

Als ich später in Tirol gelebt habe, war ich mit einer Freundin gelegentlich am Achensee segeln. Dort am Strand haben wir auch trainiert, also Bewegungen geübt. Und eines Tages meinte sie zu mir, das sei Yoga. Ich war positiv überrascht. Das war eine ganz andere Erfahrung als die, die ich davor gemacht hatte. In Folge kam meine Yoga-und-Surf-Woche in Frankreich, wo wir jeden Tag zwei Stunden Yoga praktiziert haben. Da war für mich klar: Ich will mehr wissen, und ich will es dort kennenlernen, wo es herstammt.

Und ja, es ist ein Unterschied zwischen Yoga hier und in Indien. Wobei ich dazu sagen möchte, dass ich meine erste Yogaausbildung in einem sehr strengen Ashram absolviert habe, und zwar nie mit der Intention, es auch zu unterrichten, sondern nur für mich. Wir lebten dort nach einer strengen Yogi-Diät, begannen unseren Tag um 5:30 in der Früh, und er dauerte bis in die Nacht. Er war angefüllt mit Unterricht, Karma-Yoga und Hausübungen machen, jeden Tag 5 Seiten Yoga-Philosophie. Das war eine wahnsinnig intensive und schöne Erfahrung.

Welche drei Orte, Momente oder Erfahrungen sind dir von deiner gesamten Reisezeit am meisten in Erinnerung und im Herzen geblieben?

Das ist wirklich schwierig zu beantworten, denn es gibt so viele wunderbare Erinnerungen. Vor allem möchte ich festhalten, dass es für mich kein „Top-Favorite“ Land und auch keine liebste Stadt gibt. Es geht immer um die Geschichten und die Erlebnisse, die man damit verbindet. Drei besondere Dinge kann ich dir aber gerne erzählen, wobei es für mich kein Ranking gibt.

Eines davon ist ein besonderer Platz in Thailand, wo ich die ruhigste und entspannenste Zeit hatte. Ich habe einen Monat dort mit Klettern verbracht, habe wunderbare Menschen kennengelernt, Freunde, die ich immer noch habe. Das war wirklich schön.

Ein ganz spezieller Ort ist für mich auch Granada in Spanien. Diese Stadt habe ich ins Herz geschlossen. Ich war damals dort bei einem Spanisch-Kurs, war mittlerweile dreimal dort und wollte auch dorthin ziehen. Das hat sich anders ergeben, aber dennoch hat sich der Ort in mein Herz eingebrannt.

Und schließlich auch Nepal, wo ich ebenfalls bereits dreimal war. Vielleicht, weil dort alles seinen Anfang genommen hat. Nepal ist ganz besonders. Ich war bei einer nepalesischen Hochzeit, ich war zum ersten Mal in meinem Leben auf beinahe 5.000 Metern, habe den Annapurna-Trek gemacht… Ich habe dort mich selbst gefunden und gelernt, dass ich etwas verändern muss. Die Menschen, die Landschaft – einfach wunderbar. Für die Zukunft steht Nepal wieder auf dem Plan, denn ich möchte unbedingt einmal ins nepalesische Mount-Everest-Basecamp trekken.

Was ist für dich das Herzstück des Reisens an sich?

Was das Reisen so besonders macht, ist die Verbindung mit anderen Kulturen, Menschen, Sprachen, Sichtweisen. Ich wurde christlich erzogen, und reist man mit diesem Background in andere Kulturen, sind die Sichtweisen schon auf die banalsten Dinge völlig anders. Die unterschiedlichen Perspektiven sind faszinierend. Und wenn man offen und interessiert ist, ändert sich der eigene Horizont beinahe von selbst.

Ein Beispiel: der Zugang zu Gesundheit. Wir in unserer westlichen Kultur schätzen nicht die Gesundheit, sondern die Krankheit. Wir geben der Krankheit mehr Beachtung als der Gesundheit. Es gibt unzählige Einrichtungen, wo du behandelt wirst, wenn du krank wirst. Aber es gibt nur sehr wenige Institutionen, die sich rein deiner Gesundheit widmen, ohne dass dafür eine Krankheit vorhanden sein muss. In anderen Ländern dagegen liegt der Augenmerk auf der Gesundheit, dort wird alles daran gesetzt, dich gesund zu erhalten. In meinen Augen ist das der bessere Zugang.

Reisen mit Yoga intensiv in Verbindung zu bringen, das macht die Yoga-Reisen aus, die du anbietest. Was macht Yoga auf Reisen so besonders?

Ich werde deine Frage auf meine letzte Reise beziehen, und zwar auf eine Segelreise im Mittelmeer mit Yoga und Coaching. Die Besonderheit ist, dass wir jeden Tag an einem anderen Ort Yoga machen. Dazu möchte ich erklären: Yoga heißt übersetzt nichts anderes als „Einheit“. Die Einheit des Universums mit dem Menschen, die Einheit von Gott und Mensch, völlig egal – es geht um die Einheit. Um zur Einheit zu kommen, begibst du dich auf eine Reise. Auch Yoga ist eine Reise, und zwar mit dem achtgliedrigen Pfad des Yoga. Das, was wir hier unter Yoga verstehen, die Asanas, ist nur ein Teil davon.

Wenn du dich nun tatsächlich selbst auf eine Reise begibst, sprich: physisch, bist du bereits auf einem Weg. Und du lernst, auf dieser Reise, auf diesem Weg, die Asanas an unterschiedlichen Orten auf verschiedenen Untergründen in wechselnden Umfeldern zu praktizieren. Hier lernst du viel intensiver, dich auf deine Yogapraxis zu konzentrieren, denn die Konzentration ist natürlich viel schwieriger als in einem abgeschlossenen Studio. Die Balance wird anders gefordert, die Kraft muss anders eingesetzt werden. Du musst viel mehr bei dir sein, damit du dich in deiner Yoga-Praxis wohlfühlst. Das zu erleben fühlt sich in einer fremden Umgebung völlig anders an.
Die Segelreise ist dabei etwas wirklich Besonderes. Durch die Abgeschiedenheit, durch das Fehlen von Internet und Ablenkung, sind die Teilnehmer*innen viel mehr bei sich. Auch das dauernde Schaukeln des Boots ist etwas ungemein Beruhigendes. Jeden Tag sehen wir etwas Neues. Tagtäglich erleben wir den Sonnenuntergang, den Sonnenaufgang, die Menschen am Boot – es ist ein ganz besonderes Gefühl. Ich merke auch, dass die Menschen am Schiff schneller bereit sind, sich zu öffnen. So kann jeder an sich selbst mehr bewirken.

Du betreibst in Wels das Yogastudio Pulsatori. Gibt es etwas Besonderes, das du deinen Schüler*innen vermitteln möchtest?

Etwas ganz Wesentliches ist, und das höre ich auch immer wieder von Kurs- und Reiseteilnehmer*innen im Feedback: Je länger sie Yoga praktizieren, desto mehr erfahren sie über sich selbst. Sie verändern Schritt für Schritt ihr Leben. Und das ist genau das, worum es geht: Sie sind achtsamer sich selbst und anderen gegenüber. Auf einmal fällt ihnen auf, dass sie nie Nein sagen konnten, und nun geht es. Oder vielleicht essen sie jeden Tag mit dem Ehepartner zum Frühstück Spiegeleier und kommen nun auf einmal darauf, dass sie Spiegeleier nicht ausstehen können – nach 20 Jahren. *lacht*
Sie hören mehr in sich hinein, sie atmen bewusster. Es sind Kleinigkeiten, die sie im Alltag verändern. Nicht die Yogastunde ist wichtig, sondern das, was sie daraus in ihr Leben mitnehmen. Sie lernen sich besser kennen, bilden mit sich selbst eine Einheit, beginnen sich selbst zu lieben. Denn nur wenn man mit sich selbst achtsam ist, kann man dies auch anderen gegenüber sein.

 

Hier noch ein paar weitere von den vielen tollen Fotos, die Tanja mir zur Verfügung gestellt hat:

   

 

Tanja Nicholls führt in Wels das Yogastudio Pulsatori und bietet Gruppen- wie auch Privatstunden an. Einsteiger und Fortgeschrittene sind bei ihr jederzeit herzlich willkommen.

Übrigens habe ich bereits selbst einen wunderbaren Yoga-Vormittag bei Tanja erlebt, und zwar als Abschluss meiner 30-tägigen Yoga-Challenge.

 

Vielen Dank, liebe Tanja, dass du dir Zeit für das Wanderhunger-Interview genommen hast! Wie schade, dass ich nicht unser gesamtes Gespräch hier wiedergeben kann, es war so unglaublich spannend, dir zuzuhören! 🙂

 

 

 

2 Comments

    • Martina Stasny Reply

      Hallo Oliver, das freut mich. Ich war auch total begeistert, was Tanja alles erlebt hat!
      Liebe Grüße, Martina

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