Über 7 Tonnen pure Muskelmasse donnern über die Erde der Arena. Insgesamt 20 Deckhengste des Salzburger Norikerzuchtverbands, 10 Hengste pro Durchgang, machten sich am 23. Juni 2018 beim Noriker Hengstauftrieb die Rangordnung für ihren Sommer auf der Alm aus. Zum 26. Mal fand diese Veranstaltung heuer im wunderschönen Raurisertal vor beeindruckender Bergkulisse  statt.

Seit vielen Jahren wünsche ich mir, dieses Spektakel live zu sehen – heuer habe ich es endlich geschafft!

Noriker Hengstauftrieb Rauris 2018

Bereits um 7:30, zweieinhalb Stunden vor Beginn der Veranstaltungen, treffe ich mit zwei Freundinnen beim Alpengasthof Bodinghaus im hinteren Raurisertal ein. Der Sommerbeginn ist nicht zu spüren, es hat frostige 12 Grad, die Sonne lässt sich noch nicht blicken. Wir sind das 9. Auto, das am Parkplatz eintrifft. Es werden noch viele mehr: Über 5.000 Menschen sehen sich den Hengstauftrieb an.

Das frühe Aufstehen zahlt sich aus: Wir haben eine Bierbank in der ersten Reihe, gleich neben dem Gatter, durch das die Hengste hereingeführt werden. Auch zwei Thermoskannen mit Tee und ein ganzer Korb voller Proviant verkürzen uns die Wartezeit. Wir sehen zu, wie sich die erste Reihe, die zweite Reihe und auch der Waldhang mit Menschen füllen. Die Organisation der Veranstaltung ist perfekt. Mit Schubkarren fahren Mitarbeiter die große Koppel, die Arena, am Zaun ab und verkaufen Getränke. Bei Ständen kann man alles von Schnitzelsemmeln über Satteldecken bis hin zu Kuhglocken erwerben.

Die Spannung steigt, es geht los!

Der Moderator betritt die Arena. Zuerst geht es natürlich los mit einer Reihe von Dankeschöns, Vorstellungen und Ansprachen. Aber es wird auch erklärt, was wir gleich sehen werden: 20 Deckhengste im Besitz des Salzburger Zuchtverbands, aufgeteilt in zwei Gruppen, in die „Althengste“ und die „Junghengste“. Auch wenn es brutal aussieht, wie die mächtigen Tiere aufeinander losgehen: Es sind in Wahrheit nur Rangeleien. Nach dem anstrengenden Deckeinsatz kommen die Tiere für zwei Monate auf die Alm, wo sie ihren verdienten Urlaub genießen können. Dafür müssen sie sich vorab die Rangordnung ausmachen. Tritte, Bisse, Schläge – völlig normal. Schlimmere Verletzungen als blutige Lippen sehen wir nicht. Die Halter der Tiere und Treiber mit Stöcken wachen über die Rangkämpfe. Sie verhindern, dass ein Pferd ins Eck gedrängt wird und passen auf, dass keine ernsthaften Kämpfe aufkommen.

 

Das Programm beginnt mit einer Gruppe Alpenschnalzer. Fünf junge Männer schwingen ihre Peitschen und erzeugen einen exakten Schnalzer-Takt. Es ist ein Erlebnis. Innere Notiz an mich selbst: Ich möchte gerne einmal einen Wettbewerb dieser Gruppen sehen!

Die Althengstgruppe beim Noriker Hengstauftrieb

Schon bevor sie in die Arena geführt werden, kann man die Hengste hören. Sie wiehern und donnern gegen die Wände der Pferdehänger. Einzeln werden sie von ihren Haltern in die Arena gebracht und vorgestellt: mit ihrem Namen, ihrem Alter, der Anzahl der Stuten, die sie im heurigen Jahr belegt haben, und ihrem Gewicht. Zwischen 9 und 14 Jahren sind sie alt, sie wiegen zwischen 690 und 840 Kilogramm. Obwohl die Männer teilweise ganz schöne Mühe haben, die aufgeregten Tiere an ihren Platz, gut verteilt und getrennt voneinander, zu führen, sieht man schon, wie gut diese Kaliber zu handeln sind.

Als alle zehn Hengste ihren Platz eingenommen haben, werden sie auf Kommando gleichzeitig von ihren Trensen befreit und losgelassen. Die Hengste donnern aufeinander zu, wiehern und schreien. Schnell teilen sie sich in kleinere „Kampfgruppen“ von zwei bis drei Tieren auf. Es wird geschlägert, gebissen, ausgeschlagen, aufgebäumt und getreten. Erstaunlich ist dennoch: Sie sind ziemlich entspannt. Es dauert keine 20 Minuten, bis die ersten Noriker zwischen ihren Rangeleien den Kopf senken und Gras rupfen.

Wir beobachten die Hengste, die alle eine Nummer auf den Kruppen tragen, gespannt: Wer wird wohl der diesjährige Leithengst werden?

Fotoimpressionen der 1. Gruppe der Althengste

Die Hengste werden von ihren Haltern in die Arena geführt. Die Naturkulisse ist beeindruckend, und jeder Platz ist belegt. Alle zehn Tiere werden gut verteilt aufgestellt.

Noriker Hengstauftrieb 2018, ein Fuchshengst wird in die Arena geführt, Wanderhunger

Es geht los: Gleichzeitig werden alle Hengste von den Trensen befreit und losgelassen.

Noriker Hengstauftrieb 2018, Die Althengste werden losgelassen, Wanderhunger

Die Halter gehen zurück zum Eingang und überlassen den Hengsten die Arena. Treiber stehen mit Stöcken ausgestattet an strategischen Orten um zu verhindern, dass ernsthafte Kämpfe ausbrechen oder ein Tier in’s Eck abgedrängt wird.

Noriker Hengstauftrieb 2018, Die Hengste gehen aufeinander los, die Tierhalter verlassen den Platz, Wanderhunger

Nun ist die Arena für die Rangordnungskämpfe freigegeben.

Noriker Hengstauftrieb 2018, Zwei Hengste rangeln miteinander, Wanderhunger Noriker Hengstauftrieb 2018, ein Hengst schlägt auf einen anderen aus, Wanderhunger Noriker Hengstauftrieb 2018, Drei Hengste rangeln um ihre Rangordnung, WanderhungerNoriker Hengstauftrieb 2018, Ein Hengst schlägt auf zwei andere Hengste aus, Wanderhunger Noriker Hengstauftrieb 2018, ein Hengst zeigt einem anderen eine Dominanzgeste, den Spanischen Schritt, Wanderhunger Noriker Hengstauftrieb 2018, Ein Hengst springt mit allen vieren in die Luft um einen anderen zu beeindrucken, Wanderhunger

Ein einziges Mal wird die Situation zwischen zwei Hengsten ernst: Einer verbeißt sich in die Flanke des anderen, die Tiere gehen in die Knie, ein ernster Kampf droht auszubrechen. Der Treiber ist sofort bei ihnen und jagt sie auseinander. Keines der Tiere trägt eine Verletzung davon.

Noriker Hengstauftrieb 2018, Zwei Hengste gehen in die Knie un beißen sich, ein Treiber geht dazwischen. Wanderhunger

Nach weniger als zwei Stunden ist ziemlich Ruhe in die Gruppe eingekehrt. Immer wieder geraten zwei Tiere aneinander, aber es ist deutlich, dass sie sich das meiste bereits ausgemacht haben. Die Pferdehalter fangen mit Hilfe der Treiber ihre Tiere wieder ein. Vötter Vulkan XVII, der bereits letztes Jahr der Leithengst der Gruppe war, hat seinen Titel verteidigt. Gelassen gehen sie am Zügel hintereinander aus der Arena und wandern auf die Almweide. Die nächsten Tage wird es wohl noch ein paar einzelne Rangeleien geben, dann wird Ruhe einkehren, und die Tiere können zwei Monate lang ihren Sommer genießen.

Die Junghengstgruppe beim Noriker Hengstauftrieb

Nach einer Pause sind es wieder die Schnalzer, die den zweiten Teil des Tages „einschnalzen“. Dann kommen die Junghengste in die Arena, zwischen 3 und 9 Jahre alt, 700 bis 820 Kilogramm schwer. Sofort ist spürbar, dass es sich hier um Jungspunde handelt. Sie sind ungestümer und aufgeregter. Ein Hengst reißt seinen Halter zu Boden, der kann das Führseil gerade noch festhalten.

Auch wie sie nach dem Loslassen aufeinander losgehen, lässt von deutlich mehr Aufregung schließen. Sie schreien und rangeln lange Zeit in einer oder zwei großen Gruppen, während sich die Althengste gleich verteilt haben. Im folgenden Video könnt ihr die ersten Minuten der Rangkämpfe sehen, sofort nachdem sie losgelassen wurden.

Fotoimpressionen der 2. Gruppe: die Junghengste

Die Hengste zeigen ihr Temperament.

Noriker Hengstauftrieb 2018, Ein Hengst bäumt sich am Zügel hoch auf, als er hereingeführt wird. Wanderhunger

Der Publikumsliebling: ein Mohrenkopf-farbiger Hengst

Noriker Hengstauftrieb 2018. Ein Norikerhengst in der Farbe Mohrenkopf wird hereingeführt. WanderhungerNoriker Hengstauftrieb 2018, Zwei Hengste bäumen sich im Rangordnungskampf auf, Wanderhunger Noriker Hengstauftrieb 2018, Eine Gruppe von 5 Hengsten rangelt, Wanderhunger

Amigo Nero XII, der Fuchshengst in der Mitte, zeigt sein Temperament. Er wurde in dieser Gruppe der Leithengst.

Noriker Hengstauftrieb 2018, eine Gruppe von Hengsten rangelt, Wanderhunger Noriker Hengstauftrieb 2018, Ein Hengst schlägt auf einen anderen aus, WanderhungerNoriker Hengstauftrieb 2018, Ein Hengst bäumt sich auf um einen Konkurrenten zu treten, Wanderhunger Noriker Hengstauftrieb 2018, Zwei Hengste gehen während des Rangordnungskampfes auf die Knie, Wanderhunger

 

Eineinhalb Stunden später ist auch dieses Spektakel vorbei. Die Hengste sind verschwitzt und außer Aten. Im Gegensatz zu den Althengsten lassen sie sich nicht so gerne wieder einfangen. Das kann zu gefährlichen Situationen führen: ein noch frei herumlaufender Hengst darf nicht auf einen bereits eingefangenen losgehen, das wäre für den Halter des Tieres sehr gefährlich. Mit vereinten Kräften wird auch das letzte Tier in die Ecke getrieben und kann aufgetrenst werden. Auch diese Tiere gehen nun im Gänsemarsch auf ihre Sommeralm, getrennt von den Althengsten.

 

Der Noriker Hengstauftrieb 2018 war ein fantastisches Erlebnis, das ich nicht nur Pferdefreunden an’s Herz legen kann. Nächstes Jahr findet der Auftrieb am 22. Juni 2019 statt. Aber geht unbedingt früh hin, wenn ihr euch die Pferde ansehen wollt – nur in der ersten Reihe ist man wirklich live dabei!

 

 

 

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